Gedenken und Neu-Denken
Lieber Blogleserinnen und Blogleser,
diese Woche war geprägt von einem Thema, das unmittelbar mit dem Erlebnisort Reden zu tun hatte. Nachdem es lange bekannt war, wurden am Mittwoch die Pumpen, die das Grubenwasser nach oben förderten, ausgeschaltet. Damit setzte die RAG ihr Grubenwasserkonzept im Saarland um.
Der Anstieg des Grubenwassers erfolgte auf Grundlage eines rechtskräftigen Planfeststellungsbeschlusses und unter Aufsicht der zuständigen Behörden. Ziel ist es laut RAG, die Grubenwasserhaltung dauerhaft sicher, ressourcenschonend und effizient zu organisieren. Der Standort Reden, so wurde bekannt, bleibt als Sicherungsstandort erhalten und ermöglicht bei Bedarf zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten.
Für den Landkreis oder insbesondere für den Erlebnisort Reden bedeutete das, dass der beliebte sogenannte Mosesgang neben dem Bergbau trockengelegt wird. Allerdings ist es mir wichtig, an dieser Stelle zu betonen, dass durch den Verlust des Grubenwassers nur 20 % des Gesamtwassers am Standort verloren gehen. 80 % durch Regen- und Oberflächenwasser bleiben erhalten, sodass auch künftig die Wasserflächen hier bestehen bleiben.
Gerade im Vorfeld wurde darüber, insbesondere in den sozialen Medien, viel diskutiert.
Ich möchte die Thematik an dieser Stelle nicht kleinreden. Der Wassergarten ist sehr beliebt, und der Erlebnisort als Ganzes gehört zu den zehn beliebtesten Tourismusattraktionen im Saarland. Gerade der Mosesgang wurde zigtausendfach fotografiert und wirbt nicht nur für den Landkreis Neunkirchen, sondern für die gesamte Region. Die Verantwortlichen von Land, Gemeinde und Landkreis werden in den nächsten Monaten alles daransetzen, die Attraktivität weiterhin zu erhalten. Es gibt bereits Konzepte. Allerdings muss nun zunächst das Umfeld gesäubert werden. Die Arbeiten hierfür haben bereits begonnen.
Ich kann an dieser Stelle versichern, dass es hier keinen sogenannten „Lost Place“ geben wird. Wir werden alles daransetzen, den Standort weiterzuentwickeln und auch den Mosesgang neu zu denken.
Am Montagmorgen begann mein Arbeitstag mit dem verwaltungsinternen Jour-Fixe mit den Dezernentinnen und Dezernenten zu verschiedenen Themen. Anschließend fand ein Gespräch mit der Finanzverwaltung statt, bei dem es um die Abstimmung zu Kommunalkrediten ging. Für solche Kredite holen wir verschiedene Angebote von Banken ein, um anschließend das günstigste Angebot auszuwählen.
Am Nachmittag stand ich dem Saarländischen Rundfunk für den „Aktuellen Bericht“ Rede und Antwort. Dabei ging es um die Zukunft der Wassergärten und des Erlebnisortes Reden. Im Anschluss bereitete ich gemeinsam mit meinem Team den in der kommenden Woche stattfindenden Bau- und Schulausschuss vor. Dort werden unter anderem die derzeitigen Baumaßnahmen thematisiert. Auch die Schulentwicklung ist in diesem Ausschuss stets ein wichtiges Thema.
Am Dienstagmorgen fand eine verwaltungsinterne Besprechung zu verschiedenen Themen statt, beispielsweise zu den Liegenschaften des Landkreises Neunkirchen. Unsere Verwaltung ist in den vergangenen Jahren aufgrund der Vielzahl an Aufgaben stetig gewachsen. Daher sind wir mittlerweile in rund 15 Dienstgebäuden untergebracht. Diese Situation wollen wir perspektivisch verändern und beschäftigen uns deshalb mit alternativen Lösungen. Natürlich hilft auch die Digitalisierung dabei, dass der Platzbedarf einer Kreisverwaltung nicht weiter exorbitant ansteigt.
Am Nachmittag tagte der Aufsichtsrat unserer Beschäftigungsgesellschaft AQA. Es ging dort um die laufenden Projekte sowie um den Wirtschaftsplan für das Jahr 2026. Die AQA ist ein gemeinnütziger und kommunaler Beschäftigungsträger zur Durchführung beruflicher Eingliederungsleistungen gemäß Sozialgesetzbuch. Hierbei stehen wir in enger Kooperation mit dem Jobcenter Neunkirchen, der Kreisverwaltung, dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit sowie dem Europäischen Sozialfonds.
Die AQA steht seit vielen Jahren für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung und definiert damit den Auftrag zur individuellen und bedarfsgerechten Aktivierung, Beschäftigung, Qualifizierung und Ausbildung von Menschen mit besonderem Förderbedarf. Sie versteht sich als soziales Unternehmen, das offen ist für Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Nationalität, Religion und Konfession.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Beschäftigungsmaßnahmen werden, je nach Begabung, Interessengebiet und Belastbarkeit, in verschiedenen Arbeitsbereichen eingesetzt und von qualifizierten Anleiterinnen, Anleitern sowie pädagogischen Betreuungspersonen unterstützt. Ziel ist es, sie optimal auf eine Arbeitsaufnahme auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten.
Vor einigen Jahren konnte dank des Bundesprogramms „Land(auf)Schwung“ auch ein Upcycling-Zentrum entstehen, in dem neue Produkte aus Recyclingmaterial gefertigt werden. Mit diesem Projekt erhielten wir bundesweit Aufmerksamkeit.
Den Abschluss meines Arbeitstages bildete der Bürgerdialog mit Ministerpräsidentin Anke Rehlinger. Die Veranstaltung fand in Illingen in der Illipse statt. Das erste Format dieser Reihe wurde digital durchgeführt, anschließend folgte eine Veranstaltung in Ottweiler und nun die Veranstaltung in Illingen.
Im Bürgerdialog ging es um den Strukturwandel und die Frage, wie Saarländerinnen und Saarländer diesen erleben, welche Themen die Menschen vor Ort bewegen und wie Bürgerbeteiligung dabei helfen kann, Zukunft gemeinsam zu gestalten. Hier kamen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und ich mit zufällig ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch. Wir hörten zu und nahmen viele Anregungen, Erfahrungen und konkrete Ideen mit.
Im Mittelpunkt standen zentrale Zukunftsfragen für das Saarland: Industrie und Arbeitsplätze, Mittelstand, Energieversorgung, Forschung und Innovation, Fachkräfte, Infrastruktur sowie die Lebensqualität vor Ort. Ich fand die Bürgerdialogreihe sehr spannend, da sie Teil eines offenen Beteiligungsprozesses zum Strukturwandel ist. Es braucht genau solche Formate, um Menschen für ihre Region zu begeistern und sie zu dem Entschluss kommen zu lassen, dass sich Engagement lohnt. Im Sommer wird es eine Abschlussveranstaltung mit allen Landkreisen geben.
Am Mittwochmorgen war ich in Saarbrücken, wo die Aufsichtsratssitzung der VSE mit anschließender Hauptversammlung stattfand. Im Anschluss tauschte ich mich intern zu verschiedenen Themen aus und bereitete weitere Gremiensitzungen vor. Danach stand noch Schreibtischarbeit an.
Am Donnerstagmorgen ging es zum Verwaltungsrat der KGSt, der dieses Mal in Mülheim an der Ruhr tagte. Seit einigen Jahren gehöre ich dem Verwaltungsrat der KGSt an. Die KGSt ist der Verband für kommunales Management. Seit fast 80 Jahren ist sie die kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement und damit Ansprechpartnerin für Städte, Kreise und Gemeinden in Fragen des kommunalen Managements.
Ich schätze an der KGSt besonders die hervorragende Netzwerkarbeit und den großen Erfahrungsschatz, der allen Kommunen und Kreisen zur Verfügung steht. Jedes Jahr gibt es neue interessante Veranstaltungsformate und Publikationen zu zahlreichen Themen aus dem Bereich Verwaltung. Für mich steht die KGSt auch für wichtige Strategien zur Verwaltungsmodernisierung. Deshalb schätze ich das breite Spektrum an Fachthemen sehr. Die Verwaltungsratssitzungen sind stets von hoher Fachlichkeit und spannenden Diskussionen geprägt.
Am Freitag ging es wieder zurück, damit ich rechtzeitig nach Neunkirchen kam, wo die sechste Verlegung von Stolpersteinen gegen das Vergessen stattfand. Mit dieser Aktion erinnert der Künstler Gunter Demnig an die Opfer der NS-Zeit. Vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort werden Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg eingelassen. Diese Aktion gibt es mittlerweile in ganz Europa. Viele dieser sogenannten Stolpersteine sind auch im Landkreis Neunkirchen zu finden.
Ich wurde gebeten, anlässlich dieser Gedenkveranstaltung eine Rede zu halten. An dieser Stelle danke ich Oberbürgermeister Jörg Aumann für seine Unterstützung dieses wichtigen Themas sowie der Arbeitsgruppe um Reiner Dörrenbächer für die Organisation und die umfangreichen Recherchen.
Es ist wichtiger denn je, dass die Zeit der NS-Verbrechen nicht vergessen wird. Immer wieder muss aufgezeigt werden, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind und welche Lehren daraus für die heutige Zeit gezogen werden müssen.
Wenn ich über das Projekt „Stolpersteine“ spreche, ist mir eines besonders wichtig: Es gibt immer wieder Menschen, die sagen, das Ganze liege schon so lange zurück. Irgendwann müsse man auch mit dem Erinnern aufhören. Und an dieser Stelle sage ich ganz bewusst: Nein.
Denn gerade diese Schicksale zeigen, wozu Menschen fähig sind, wie Hass und Gewalt entstehen und wie Vorurteile triumphieren können. Diese Schicksale erinnern uns an zwei einfache, aber wichtige Sätze: „Nie wieder“ und „Sei ein Mensch“.
Nur solange wir ihre Namen nennen, leben sie in unserer Erinnerung weiter. Doch wir leben in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt. Deshalb braucht es eine neue Form des Erinnerns – Zweitzeugen der zweiten Generation, Menschen, die die Geschichten weitertragen, die zuhören, bewahren und weitererzählen.
Auch ich bin ein solcher Zweitzeuge.
Ich erzähle von drei Menschen aus meinem Umfeld. Einen von ihnen durfte ich noch persönlich kennenlernen: Alex Deutsch, der mit der Cousine meiner Großmutter verheiratet war. Seine erste Frau und sein dreijähriger Sohn wurden ermordet, weil sie Juden waren. Wie durch ein Wunder überlebte Alex Deutsch, getrennt von Frau und Kind, den Holocaust.
Bis zu seinem Tod im Jahr 2011 besuchte er unermüdlich Schulen, um von seinem Leben zu erzählen. Er berichtete davon, wozu Menschen fähig sind, aber auch davon, warum Versöhnung, Solidarität und Mitmenschlichkeit so wichtig sind.
In meiner Rede erinnerte ich außerdem an zwei weitere Schicksale, die stellvertretend für viele andere stehen: an das Schicksal von Willi Herrmann und an das Schicksal von Erich Koble.
Willi Herrmann war der Bruder meines Urgroßvaters. Er war Widerstandskämpfer und in der Kommunistischen Partei aktiv. Er stellte sich gegen das NS-Regime, organisierte Hilfe und setzte sich für eine gerechte Gesellschaft ein. Er widersprach offen Hass und Ausgrenzung. Dafür wurde er verfolgt, verhaftet und schließlich 1944 im Zuchthaus Butzbach ermordet. Seine Familie hat nie erfahren, unter welchen Umständen er starb.
Und auch an Erich Koble erinnere ich. Er war der Bruder meiner Großtante. Er hatte nie die Möglichkeit, sich zu wehren. Er war von Geburt an geistig behindert. Zunächst lebte er bei seiner Familie, später in einer Pflegeeinrichtung. Von dort wurde er nach Hadamar gebracht und – ohne Wissen seines Vaters – als sogenanntes „unwertes Leben“ ermordet.
Die Lebensgeschichten könnten unterschiedlicher kaum sein. Und doch stehen sie für dasselbe Unrecht: für ein System, das Menschen entrechtet, verfolgt und vernichtet hat.
Ich danke an dieser Stelle auch den Schulen mit ihren Pädagoginnen und Pädagogen, die dieses Thema aufgreifen und für junge Menschen begreifbar machen – stellvertretend dem TGBBZ Neunkirchen und der Ganztagsgemeinschaftsschule, in der die Veranstaltung stattfand.
Unsere Welt ist im Wandel, und wir erleben, wie schnell wieder ausgegrenzt wird, wie vorschnell geurteilt wird und wie häufig in einfachen Kategorien von Gut und Böse gedacht wird. Gerade deshalb ist Erinnerung nicht nur Vergangenheit. Sie ist Gegenwart und Auftrag zugleich.
Um es mit den Worten von Richard von Weizsäcker zu sagen, die auch Alex Deutsch immer wieder zitierte:
„Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere Menschen. Lernt, miteinander zu leben – nicht gegeneinander.“
Dieses Versprechen sind wir Willi Herrmann, Erich Koble, Alex Deutsch und Millionen anderen Menschen schuldig. Denn ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.
Morgen früh bin ich bei einem Fest der Förderschule geistige Entwicklung in Neunkirchen. Die Biedersbergschule besteht mittlerweile seit über 50 Jahren. Rund 80 Schülerinnen und Schüler können dort lernen und sich weiterentwickeln.
Der Unterricht findet in heterogen gestalteten Klassen statt. Das bedeutet, dass sich in jeder Klasse Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Altersgruppen befinden. So können trotz möglicher Altersunterschiede ähnliche Themen individuell und bedarfsorientiert bearbeitet werden. Wichtige Grundpfeiler sind hierbei Differenzierung und Individualität. Alle Schülerinnen und Schüler lernen in ihrem eigenen Tempo und erhalten auf ihren persönlichen Lernstand abgestimmte Materialien und Aufgaben.
Es geht immer darum, die jungen Menschen bestmöglich auf einen späteren selbstständigen Alltag vorzubereiten. Ich freue mich sehr darauf, dieses schöne Fest zu besuchen.
Lieber Blogleserinnen und Leser,
ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Bis nächste Woche!
Ihr Landrat
Sören Meng





