Ottweiler Porzellan

Die flüchtige Liebe

Im Frühjahr 2004 erwarb die Sparkasse Neunkirchen eine Deckelterrine mit Platte im Pariser Kunsthandel, die aufgrund ihrer Form und Bemalung ein bedeutendes Hauptwerk der Manufaktur darstellt, das zu Beginn der zweiten Produktionsphase um 1770 gefertigt wurde. Terrine und Platte besitzen eine Aufglasur-Gold-Marke „NS“, die Platte zudem das Ritzzeichen „W“, letzteres eine Verbindung, die nur bei der Oldenburger Terrine vorkommt, welche ebenfalls um 1770 datiert wird und auch hinsichtlich der Purpurmalerei eine enge Verwandtschaft aufweist. Ähnliche Aufglasur-Gold-Marken wie auch das Ritzzeichen „W“ sind nur bei den frühen Stücken bekannt.
Die Form der Deckelterrine entspricht der Terrine mit Obstbuketts aus Privatbesitz (um 1765), wobei der Asthenkelknauf variiert ist und als dominanter, filigran ausgearbeiteter Nelkenknauf – für Ottweiler bislang nicht bekannt – abgewandelt wurde. Weder der Nelkenknauf noch die Mohnkapseln an den Henkelansätzen sind bisher in Ottweiler nachgewiesen.
Dagegen entspricht die passig-ovale Form der frühen Platte mit Purpurbuketts aus dem Besitz der Alten Sammlung des Saarland Museums einem maßgleichen Formstück, das vom selben Bossierer („W“) ausgeformt wurde. Zieht man zur Datierung der gelblichen die für die Frühzeit so nicht nachgewiesenen Scherben hinzu und berücksichtigt die Markenkombination, so ist der Zeitraum um 1770 für die Entstehung von Terrine und Platte anzunehmen.
Auf der Terrinenwandung und dem Deckel sind in Purpurcamaieu-Malerei im Inselstil je zwei galante Werbungs- bzw. Paarszenen dargestellt. Die Platte zeigt eine Darstellung von zwei Frauen: eine Dame mit ausgebreiteten Armen im Abschiedsgestus, dahinter eine gebückte Frau, die mit der Geste der Verzweiflung den Verlust des Werbers zum Ausdruck bringt.
Allen Darstellungen ist ein erzählerisches Moment immanent, das die einzelnen Szenen zu einer Kompositionsfolge zusammenbindet. Den beiden sitzenden Paaren der Deckelzone der Terrine entsprechen zwei stehende Figurenpaare auf den Längsseiten des Terrinenkorpus. Die breit gelagerte und gebauchte Form des Deckels korrespondiert hierbei mit dem Sitzmotiv, wohingegen sich die stehenden Paare auf die Vertikalität der plastisch vortretenden Bänder in der Terrinenwandung beziehen lassen.
Die der Terrine zugrunde liegende Erzählung erschließt sich nicht etwa von unten nach oben, sondern den üblichen Sehgewohnheiten entgegenlaufend von oben nach unten, dem Funktionsgebrauch des Objekts entsprechend. Die Folge handelt von einer unglücklich endenden Liebe, einer flüchtigen Liebe, die sich mit der Funktion der Terrine sinnfällig verbindet.


Das Anfangsmotiv bildet die plastische Nelke. Zentral auf dem Deckel angebracht ist sie zum sitzenden Paar hin geneigt. Die kleine Nelkenknospe weist zudem in Richtung der Frau. Das Paar sitzt noch in großem Abstand innerhalb eines Naturprospekts einander gegenüber.
Auf der gegenüberliegenden Deckelseite findet sich die Darstellung eines bereits enger zusammengeführten Paares. Die Annäherung wird nicht nur durch den reduzierten Abstand anschaulich, sondern durch das aktive, körperliche Zuwenden des Mannes, dem die Frau mit ihrer Kopfneigung geziert antwortet.
Das Paar ist, wie häufig bei Ottweiler Porzellanen, in einer Gartenszene mit einem Gartenmonument verortet, dessen zeichenhafter Charakter den beschaulichen, empfindsamen Platz in der gestalteten Natur repräsentiert.
Das spazierende Paar auf der Terrinenwandung weist den engsten körperlichen Bezug auf. Die Dame hat sich bei ihrem Begleiter eingehakt und steht leicht nach hinten versetzt zur Linken des Mannes. Während sie sich mit ihrem Kopf dem Herrn zuwendet, hält sie in einer weit ausladenden, gezierten Geste einen geschlossenen Fächer vor sich. Der Herr wiederum steht in frontaler Haltung, beide Hände in den Rocktaschen, und neigt sein Haupt ebenfalls der Dame zu
Auf der gegenüberliegenden Wandung der Terrine setzt sich die Handlung fort. Das Paar befindet sich in einer Landschaftsszene, jedoch führt hier im Hintergrund eine Bogenwand perspektivisch ins Zentrum der Darstellungsinsel. In den Gesten des Paares ist der kommende Verlust des Liebhabers bereits zum Ausdruck gebracht, da der Herr tröstend seinen Arm um die Schulter der Dame legt, beruhigende Worte an sie zu richten scheint und mit der anderen Hand ihre Hände stützt.
Die Darstellung der Platte vollendet die Erzählung und zeigt den tragischen Verlust des Geliebten. Im Vergleich zu den Szenen auf der Terrine weist sie einen noch stärkeren Naturbezug auf, gibt sie doch der Natur den größten Raum.
Der verhältnismäßig groß dimensionierte Nelkenknauf fügt sich sinngebend in den Kontext der Erzählung ein. Gemeinsam mit den plastischen Mohnkapseln, welche die seitlichen Terrinenhenkel begleiten, bildet er eine Liebes- und zugleich Vergänglichkeitsmetapher, die den Erzählzusammenhang plastisch rahmt.
Dem ersten Begegnen des Paares auf dem Deckel entspricht die „Begegnung“ des an der Tafel Sitzenden mit der gefüllten Terrine. Auch das erste Annähern des Paares, ebenfalls auf dem Terrinendeckel sichtbar, bezieht sich auf das Öffnen der Terrine, der Annäherung an die Speise. Sogar das Anheben des Deckels birgt ein Berührungsmoment, das sich bildlich in der Paarszene spiegelt.
Die dargestellten Szenen werden nun sinnfällig mit der Speiseaufnahme in Beziehung gesetzt. Das geglückte Zusammenkommen des Paares findet seine Entsprechung im Herausschöpfen der Speise; hingegen das tröstende Paar, das bereits den Abschied in sich birgt, wird nun parallelisiert mit dem tatsächlichen Entleeren der Terrine, deren Inhalt stetig abnimmt.
Die Darstellung auf der Platte bietet dann gewissermaßen einen „Überraschungseffekt“, denn die auf dem Terrinendeckel und der -wandung entfaltetet Handlung wird beim Hochheben der Terrine zu einem anschaulich „schlimmen“ Ende geführt: Sowie die Terrine von der Platte hochgehoben wird, wird der Betrachter das unerwartete Ende gewahr.
Nur durch den Akt des Hochhebens vollendet sich die Handlung. Die Darstellung des Verlustes über den Geliebten korrespondiert dabei mit der sich abschließenden bzw. abgeschlossenen Speisehandlung, deren Ende sich bildhaft manifestiert.
Der Benutzer greift so aktiv in die erzählte Handlung ein. Form und Funktion bilden ein inhaltlich motiviertes Kongruenzverhältnis, bei dem der Maler die Galanterie als flüchtige Liebe mit dem in der Zeit weit verbreiteten Gedanken des Flüchtigen, des tempus fugit verbindet, und auf den Speisevorgang allegorisch anwendet.
Knabe mit Vogelpärchen
Ein weiteres Exponat im Porzellanzimmer ist der Knabe mit Vogelpärchen und Traubenkiepe.Das Stück wird wie folgt beschrieben:
Flache, leicht felsige Sockelplatte mit einem Felsquader, in Schrittstellung leicht vorgeneigt stehender Knabe, in den vorgestreckten Händen je einen Vogel haltend; neben ihm auf dem Felsen angelehnt eine mit Laub gefüllte Traubenkiepe. Der Knabe barfuß, mit Kniehose, einem Hemd, offene Jacke mit hochgekrempelten Armen, Halstuch mit Schleife, gelocktes Haar. Die farbige Bemalung stellt sich wie folgt dar: grünes Laub; bunte Vögel, das Männchen mit schwarzem Kopf.

Vitrine an der Stirnseite des Porzellanzimmers

 

Teller
Ottweiler, um 1768/1772
Porzellan

 

Zuckerdose
Ottweiler, um 1770/1771
Porzellan

oben links

Milchkännchen
Ottweiler, um 1770/1771
Porzellan

 

oben rechts

Knabe mit Vogelpärchen und Kiepe
Modell von Paul Louis Cyfflé
Ottweiler, um 1765
Porzellan

 

Zuckerdeckeldose
Ottweiler, um 1770/1775
Porzellan

rechts vorne

Teekanne
Ottweiler, um 1770/1775
Porzellan

unten Mitte

(Tee-)Kännchen
Ottweiler, um 1770/1775
Porzellan

 

Tasse
Ottweiler, um 1775/1780
Porzellan


Vordere Tasse
Ottweiler, um 1775/1780
Porzellan

 

vordere Vitrine mit Fayencen

 

Sauciere
Ottweiler, um 1785/1790
Steingut

 

3 Kaffeekannen
Ottweiler, um 1785/1790
Steingut

 

Obstkörbchen
Ottweiler, um 1785/1790
Steingut

 

Alle vorgenannten Exponate sind seit September 1996 als Dauerleihgabe der Altern Sammlung des Saarland Museums, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, im Porzellanzimmer des Witwenpalais Ottweiler ausgestellt.