Franz Mörschers Säule

Auf den ersten Blick eine Säule, eine mit Keramiken verkleidete Säule, die eine Mütze aus Gips trägt, zwischen beiden Teilen ein Ring aus Marmor. Auf den ersten Blick.

Doch man muss ein zweites Mal hinschauen. Dann ist da nicht nur eine Säule. Da ist mehr, etwas, das statisch ist und sich doch bewegt, das viereckig zu sein scheint und doch rund wirkt, eine Faszination für die Augen. Ein Spiel mit der Wahrnehmung. Sein Werk lassen wir den Schöpfer dieses Kunstwerkes, den Bildner Franz Mörscher, selbst erläutern:

„Der erste Bezug war die Last, das Physikalische. So eine Stütze hat die Aufgabe, etwas zu tragen. Deshalb ging es mir darum, mit dieser Last zu spielen, sie erst einmal sichtbar zu machen. Gleichzeitig aber wollte ich diesen dicken Pfeiler, er hat ja 60 Zentimeter im Quadrat, optisch auflösen, ihn verschwinden lassen, weil der Brummer den Leuten ja im Wege steht.

Dann kommt Auflage Nummer zwei: Da ist rechts oben in dem Raum, der hinzukam, die Decke aus der Jugendstilzeit, ein florales Thema, Blattwerk und Äpfel, die einmal farbig gefasst waren. Die Säule nimmt daher in der Farbigkeit Bezug zu den Jugendstilelementen. Ich habe daher sehr zurückhaltend in der Form gearbeitet; die formalen Elemente aus der Stuckdecke aufgenommen, aber zurückgeführt, um der Decke ihre Wirkung zu lassen, jetzt ein bisschen unterstützt durch die Beleuchtung.

Überlegungen, dass Kinder um die Säule laufen würden und auch die Erwachsenen, die sich womöglich auch daran reiben könnten, haben dazu geführt, eine feste, abwaschbare Oberfläche zu schaffen. Dies ist gleichzeitig die Hinführung zum keramischen Material gewesen, aber auch die Möglichkeit, Farbe in den Raum zu bringen und eine optische Leichtigkeit zu schaffen.“ Dann sei ihm der Gedanke gekommen, nicht die Quadratur des Kreises auflösen zu wollen, sondern die Verkreisung des Quadrates herbeizuführen, erklärt Mörscher.

„Dies war zu erreichen über Pi, also Viereck, Achteck, Zwölfeck und dann eine Annäherung zum Kreis, oben 124-Eck, Pi, wir sind beim Kreis!“ Im oberen Teil der Säule, wo sich Schwünge spitz begegnen, hat Mörscher eine Reminiszenz an die napoleonische Zeit eingewebt, ein Symbol des Dreispitzes, der solche Schwünge hatte.

„Ich hatte im Sinn, spielerisch diese Lasten, diese Stützen, die Stabilität, das Statische in Frage zu stellen. Die Grundform des Quadrates läuft in vier Parallelen durch bis auf die Höhe von 2,40 Meter, wo das Zwölfeck beginnt. Dann sind vier Ecken zum Quadrat dazugekommen, die dann als aufgeputzte Dreieckform angebracht sind. Sie laufen von ihrer äußersten Auskragung etwa 13 Zentimeter von der Grundfläche oben auf null unten an der Grundlinie aus. Der Knick verschwindet in der Grundseitenfläche des Quadrates.

Wenn man sich jetzt aber zentral vor die Säule stellt, dass man rechts und links diese Auskragung zum Achteck sieht und geht dann langsam zur Seite, bis dann eine Schräge verschwindet, dann macht der Pfeiler plötzlich eine Bewegung nach links. Geht man dann weiter nach links, scheint der Pfeiler zu kippen. Der Hut aber macht eine Gegenbewegung und kippt nach rechts weg.

Die Plättchen sind alle nur 22 Zentimeter und haben alle die gleiche Seitenlänge. Im oberen Teil ist die Oberfläche sehr viel größer als unten und das ist nur über die Vergrößerung der Fugen aufzufangen. Dadurch wird der Eindruck von Last und von Nach-außen-Drücken noch verstärkt. Aber es entsteht gleichzeitig durch die Farblichkeit ein Schwanken, ein Verdrücken.

Wo es zur Decke geht, habe ich ein farbiges Licht angebracht, um am oberen Teil des Pfeilers das untere Thema noch einmal anklingen zu lassen.

Dann kommen verschiedene Reminiszenzen an verschiedene Teile, um das Alte mit dem Mittelalten und dem Neuzeitlichen zu verbinden. Ganz bewusst habe ich die Badezimmerkacheln in Riemchenform genommen, um ein typisches Element unserer Zeit da hineinzubringen.

Das ist im Wesentlichen, was mein Beweggrund war. Dazu habe ich eine kleine marmorne Sockelplatte für das Kapitell eingefügt, als vermittelndes Element zwischen beiden Kontrasten, weißer Stuckgips rein als Form, plastisch, räumlich, und dann diese Farbraumzone.“ Man muss sich auf das Kunstwerk einlassen, seine Geometrie studieren, ausloten. Eine interessante Arbeit, vor allem für Leute, die die Geometrie, aber auch das Spiel mit der optischen Täuschung lieben.