Die Reichsgräfin Catharina von Ottweiler

Das Gemälde der Reichsgräfin von Ottweiler wurde vom Hofmaler Johann Friedrich Dryander (1736 – 1812) gemalt und befindet sich seit 1997 im historischen Sitzungssaal des Witwenpalais. Es ist eine Dauerleihgabe der Alten Sammlung der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Das genaue Entstehungsdatum ist nicht bekannt, in der Alten Sammlung des Saarland Museums befindet sich das gleiche Porträt der Reichsgräfin als Pastell, ebenfalls von Dryander, das um 1790 entstanden ist.

 

Am 1. März 1757 erblickte in Fechingen (heute Stadtteil von Saarbrücken) ein Mädchen aus einfachem bäuerlichen, wenn auch nicht gerade ärmlichen Milieu das Licht der Welt. Mit vollem Namen hieß es Katharina Margarethe Kest. Ihr Vater Johann Georg Kest war ein angesehener Mann am Ort, ein sogenannter Gemeinsmann, der als Grundbesitzer mit gewissen Rechten bedacht war, ihre Mutter Anna Barbara, geb. Wohlfahrt, seine dritte Frau, stammte aus Dirmingen (Ort im Landkreis Neunkirchen).

Den Namen „Gänsegretel“ bekam die spätere Reichsgräfin Catharina von Ottweiler und Gemahlin des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken, als sie in ihren Kindertagen mit ein paar Burschen von Fechingen nach Bischmisheim unterwegs war.

„...aus einer Wiese kam eine Gans auf die Kinder zugelaufen. Die Buben begannen sogleich, ihren jugendlichen Übermut an ihr auszulassen. Lachend und schreiend scheuchten sie das Tier auf und jagten es umher.

Ein mitfühlendes Mädchen, zu dem sie Margarethe sagten, mochte das nicht länger mit ansehen. Nachdem es ihr schon nicht gelang, die Jungen von ihren Belustigungen abzuhalten, ergriff sie das angstvoll flatternde und schnatternde Federvieh, das sich unter ihrem schützenden Arm schnell beruhigte.

Ihre Weggefährten reagierten zunächst verblüfft. Dann, abereinmal, rief einer ‚Gänsegretel‘. Und wie ein Echo ertönte es von allen Seiten: ‚Gänsegretel‘ – ‚Gänsegretel‘. Das Mädchen vernahm es mit Ärger und einem Anflug von Vorahnung. Den Namen werde ich wohl so leicht nicht mehr los, dachte Margarethe...“ Ihren Vater hatte Margarethe kaum gekannt, und als sie den Namen „Gänsegretel“ bekam, lebte Johann Kest schon lange nicht mehr. Er starb, als die Kleine fünf Jahre alt war.

Die Söhne aus den früheren Ehen des Vaters machten ihrer Mutter das Leben schwer. Es kam zu Rechtsstreitigkeiten, Anna Kest verlor ihr Vermögen und war gezwungen, 1770 das Dorf zu verlassen. Sie zog mit ihrem einzigen Kind nach Saarbrücken und fand dort Anstellung bei der Kaufmannsfamilie Korn und nach der Konfirmation musste sich auch ihre Tochter auf eigene Füße stellen.

Ihr Name Margarethe war ihr zuwider geworden, denn, obwohl in Saarbrücken niemand von der Sache mit der Gans und ihrem darauf beruhenden Namen wusste, wollt sie nicht weiter Margarethe heißen. Der Name wurde nur allzu leicht verkürzt zu „Gretel“, und von da war es nicht mehr weit zu „Gänsegretel“. Schließlich hatten ihr die Eltern doch als ersten den Namen Katharina gegeben.

Aus Margarethe war nun Katharina geworden und diese trat den Dienst im Hause des Geheimrates Georg Andreas Dern an. Bei der Frau des Geheimrates hatte schon ihre Mutter gedient, und so dauerte es nicht lange, als Katharina der Frau Dern von deren Tochter abgeworben wurde.

Als Kindermädchen trat Katharina in Dienst der Friederike Amalie Freifrau von Dorsberg, der Maitresse des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Der höchste Herr des Landes sei hier ständig Gast, wurde Katharina von den anderen Hausbediensteten berichtet. Und da junge Mädchen nun einmal neugierig sind, war sie natürlich darauf bedacht, bei der nächsten Gelegenheit einen Blick auf den Landesherrn zu werfen. Schon kurz darauf sah Katharina ihren Fürsten aus unmittelbarer Nähe. Ihre Tochter Luise schreibt in ihren Memoiren:

„Frau von D. hatte Gefallen an einem Kinde niederer bürgerlicher Abkunft gefunden, und hiermit beginnt mein wunderbarer Roman, denn jenes Kind – Katharina Kest – war meine Mutter!“ Frau von Dorsberg schätzte Katharina als ein zurückhaltendes, bescheidenes und intelligentes Wesen ein und ermöglichte ihr mit finanzieller Hilfe des Fürsten eine Ausbildung in Metz und Nancy. Denn, so Luise von Ottweiler, „... die kleine Katharine auch in jene vorzügliche Pensions-Anstalt gebracht, welcher geringfügige Umstand den Grundstein ihrer nachherigen Größe wurde, denn eine Ungebildete hätte der Fürst nimmer so hoch erheben können...“ Wenn Fürst Ludwig nach Paris fuhr, wo er sich öfter am französischen Hof zeigte, ließ er auf der Durchreise in Metz jedes Mal Katharina zu sich kommen. Sie erzählte dann in aller jugendlichen Unbefangenheit von ihrem Pensionatsleben und so kam, was kommen musste – Fürst Ludwig verliebte sich in sie, und im September 1774 zog die 17-Jährige ins Saarbrücker Schloss und schrieb ihren Vornamen in der französischen Schreibweise mit „C“.

Ein knappes Jahr später schenkte sie – inzwischen durch eine freundnachbarliche Geste des Herzogs von Pfalz-Zweibrücken Frau von Ludwigsberg – dem ersten von sieben Kindern mit dem Fürsten das Leben.

Nach dem Tode der Frau Ludwigs von Nassau-Saarbrücken, Fürstin Wilhelmine, wuchs das ehemalige Bauernmädchen aus Fechingen in die Rolle einer Lebensgefährtin des Fürsten, ja der einer verehrten Landesmutter hinein; aber auch Ludwig verdient Anerkennung, dass er sich mit allen Konsequenzen zu seiner großen Liebe bekannte. Eine Haltung, die ihm besonders seine Verwandten nach besten Kräften erschwerten.

Fürst Ludwig setzte es allen Widerständen, allen Intrigen zum Trotz (wie Freiherr von Knigge es formulierte), „mit Hinwegsetzung über die elenden Konvenienzen von Stand und Geburt“ durch, dass Catharina – inzwischen durch Kaiser Josef II. im Jahre 1781 zur Freiin von Ottweiler ernannt – 1784 zur Reichsgräfin von Ottweiler erhoben wurde.

Am 1. März 1787 hatte sich Fürst Ludwig in aller Form mit Catharina Reichsgräfin von Ottweiler trauen lassen.

Im folgenden Jahr reiste er – gemeinsam mit der „regierenden Fürstin“, wie Catharina in Saarbrücken genannt wurde – nach Paris. Ziel dieses Besuches war eine weitere Standeserhebung. Im April ließ Ludwig XVI. die Lettres patentes über das von Saarbrücken erworbene (lothringische) Duché Dillingen ausfertigen und Fürst Ludwig und die Familie Ottweiler wurden unter die ducs héréditaires aufgenommen und Catharina war nun Herzogin von Dillingen.