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Vergessen ist keine Option




Fotos: Anja Kernig

Im Rahmen der Fortbildungsreihe „Vielfalt (er)leben“ der Partnerschaft für Demokratie des Landkreises Neunkirchen gab Doris Deutsch Einblicke in das Leben ihres Mannes, dem Zeitzeugen Alex Deutsch

 

Wie hält man das aus? Diesen Hunger. Diese Kälte. Die Todesmärsche. Die Misshandlungen. Vor allem aber diese Entmenschlichung. Was Alex Deutsch als junger Mann jüdischer Religionszugehörigkeit erleben musste und im letzten Lebensdrittel aufarbeitete, war viel zu viel für einen allein. Zum großen, späten Glück lernte der Auschwitzüberlebende seine dritte Ehefrau Doris kennen. Sie, evangelische Christin, unterstütze ihn von Anfang an in seiner Mission: zu erinnern und zu versöhnen. Ab den 1980-er Jahren besuchten sie immer wieder gemeinsam Schulklassen, denen der gebürtige Berliner aus seinem Leben erzählte. Ein Geschenk an die junge Generation, die nicht wissen kann, wie effizient, brutal und bar jeden Funken Mitgefühls Deutsche ganze Volksgruppen ausrotten wollten und es fast geschafft hätten.

 

Als Alex Deutsch am 9. Februar 2011 verstarb, versprach ihm Doris auf dem Sterbebett, sein Werk fortzuführen, „so gut ich es kann“. Dieses Versprechen erfüllte die Witwe einmal mehr in der Stadtbibliothek Neunkirchen. Auf Einladung der Volkshochschule, im Austausch mit Florian Klein vom Adolf-Bender-Zentrum und dem Publikum, erzählte sie von ihrem Mann und beantwortete sehr offen und umfänglich Fragen.

 

Am 27. Februar 1943 war der gelernte Bäcker mit seiner Frau Thea und ihrem gemeinsamen Sohn Dennis von der SS verhaftet worden. Drei Tage dauerte der Transport in Güterwaggons nach Auschwitz-Birkenau, mit 1700 Menschen zusammengepfercht. Später erfuhr er, dass seine kleine Familie sofort nach ihrer Ankunft vergast worden war. Woraufhin Deutsch beschloss, das KZ zu überleben, um Rache zu nehmen. „Er hatte einen starken Willen“, betonte Doris Deutsch. Nur der ließ ihn durchkommen. Auch wenn er sich oft wünschte, in den unter Hochspannung stehenden Stacheldrahtzaun rennen zu können wie viele andere, die sich aufgegeben hatten. „Ihm fehlte die Kraft dafür“, weiß Doris Deutsch.

 

Amerikanische Soldaten schenkten ihrem Mann nach der Befreiung einen Dolch. Doch statt ihn wütend gegen seine ehemaligen Peiniger zu richten, warf Deutsch die Waffe bald schon weg. „Halt, du hast überlebt, du hattest Hilfe, auch von deutschen Menschen“, gibt Doris Deutsch wieder, was ihm damals durch den Kopf gegangen ist. Im Außenlager Auschwitz III Monowitz inhaftiert, war Alex Deutsch der Transportkolonne der IG Farbe zugeteilt worden. Während der Arbeitszeit, bei der er Maschinen und Maschinenteile entladen musste, verbot der Vorarbeiter Josef Ungeheuer den Kapos, die Gefangenen zu schlagen. Er und andere polnische Beschäftigte versorgten die Gefangenen zudem unter Todesgefahr mit Nahrung. Im Lager selbst gab es täglich nur einen Teller dünne Suppe und einen Kanten Brot. Ohne die Lebensmittelspenden hätte niemand lange überlebt.

 

Den Rahmen der Veranstaltung bildete die Dokumentation „Alex Deutsch - Ich habe Ausschwitz überlebt“, die auf YouTube kostenlos abrufbar ist. Der 30-minütige Film begleitet das Ehepaar Deutsch unter anderem bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte und zeigt darüber hinaus, wie es Deutsch nach der Befreiung erging. Er emigrierte in die Staaten nach New York, wo ihm als Besitzer eines Lebensmittelgeschäftes nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King wiederum mehrfach Gewalt wiederfuhr. Trotz Zahlung von Schutzgeld wurde sein Laden immer wieder verwüstet und geplündert. „Die Nazis hatten mich misshandelt, weil ich Jude war. Die Schwarzen terrorisierten mich nunmehr, weil ich Weißer war.“ Er gab sein Geschäft Ende 1972 auf und arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1978 bei einer Privatbank. Im August des gleichen Jahres kehrte Deutsch zurück nach Deutschland, heiratete die verwitwete Doris Löb und wohnte bis zum Schluss mit ihr in Wiebelskirchen.

 

Wen das Schicksal von Alex Deutsch näher interessiert, sollte den „Raum der Begegnung“ in der Alex-Deutsch-Schule-Wellesweiler besuchen. Um das Vermächtnis des engagierten Zeitzeugen kümmert sich die Alex-Deutsch-Stiftung des Landkreises Neunkirchen.

 

Text: Anja Kernig




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