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Neuer Hass mit langer Vorgeschichte


Die Kreisvolkshochschule Neunkirchen lud online zum Austausch über aktuellen Antisemitismus und seine Wurzeln ein

 

Das Ehepaar ist sichtlich genervt: „Antisemitismus? So was gibt’s doch gar nicht“, schnauzt der Anzug tragende Gatte den Interviewer vor ihm an. „Bestimmt wieder nur so eine Erfindung der Juden.“ Dargestellt ist die Szene in einem Cartoon, mit dem Referent Florian Klein vom Adolf-Bender-Zentrum die Teilnehmer ohne Umwege direkt zum Thema seines Online-Vortrags dirigierte: Judenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien. Als Gastgeber eingeladen hatte die Kreisvolkshochschule Neunkirchen.

 

Zum Warmwerden bat Klein um Stichworte, was jedem spontan zu Antisemitismus einfällt. „Diskriminierung“ kam als erstes, gefolgt unter anderem von „Hass gegen Juden“, „sehr alt“, „Vorurteile“, „Verschwörungsideologie“ oder „israelbezogener Judenhass“. Doch was genau ist das eigentlich, Antisemitismus? „Der Versuch, Judenfeindschaft wissenschaftlich zu begründen“, erläuterte Politikwissenschaftler Klein. In dem man Juden als eigene Rasse definiert, kann man ihnen spezifische körperliche und charakterliche Merkmale unterstellen. Die „Arbeitsdefinition“ der Bundesregierung charakterisiert Antisemitismus als „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden“, die sich als Hass ausdrücken kann. In Deutschland wird sie immer salonfähiger.  Einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses zufolge hegen 27 Prozent aller Deutschen antisemitische Gedanken. Alarmierende 41 Prozent sind der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust.

 

Längst durchdringt der Antisemitismus den Alltag der jüdischen Gemeinden. Jüdinnen und Juden greifen zu Vermeidungsstrategien, um sich nicht erkennen geben zu müssen. „Angst ist an der Tagesordnung.“ Eingespielte Video-Statements unterstrichen das eindrücklich. Wie gefährlich es für Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland geworden ist, dürfte spätestens am 9. Oktober 2019 in Halle klar geworden sein. An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, wurden dort zwei Menschen erschossen. Zuvor hatte der Schütze versucht, in eine voll besetzte Synagoge einzudringen.

 

Neu ist das Phänomen nicht, im Gegenteil. Bereits im Neuen Testament finden sich antijüdische Passagen. Auf Basis dieser religiös motivierten Feindschaft bildeten sich im Mittelalter eine Vielzahl von Legenden heraus: So wurden die Juden beschuldigt, christliche Kinder zu entführen und ihr Blut für geheime Riten zu benutzen. Diese makabre Legende kursiert bis heute und findet aktuell im Corona-Kontext neuen Nährboden bei Anhängern von Verschwörungstheorien. Wobei dieser Begriff, da er eine gewisse Seriosität und Pseudowissenschaftlichkeit vorgaukelt, besser durch „Verschwörungserzählungen oder -mythen“ ersetzt werden sollte, empfahl Klein.

 

Die Gründe, warum Menschen den oft hanebüchenen Mythen Glauben schenken, sind vielfältig. Persönliche Krisen erhöhen die Empfänglichkeit. Verschwörungserzählungen halten als Ersatzreligionen her und wirken identitätsstiftend. Harmlos ist das nie, erwachsen doch aus diesen hässlichen Phantasiegespinsten reale, handfeste Handlungen. Laut Bundesinnenministeriums kam es 2020 zu erschreckenden 2.351 antisemitischen Straftaten in Deutschland. Wobei die Dunkelziffer Experten zufolge weitaus größer sein dürfte.

 

Zu den besorgniserregenden Entwicklungen unserer Zeit gehört der wachsende Antisemitismus im Internet. Die Anonymität der virtuellen Welt senkt bei vielen die Hemmschwelle. Wobei das „Repertoire“ vom judenfeindlichen Profil auf Instagram über verbotene Symbole und Volksverhetzung auf der Spieleplattform Steam bis hin zu Hasskommentare in sozialen Netzwerken reicht. Dort werden antisemitische Aussagen oft widerspruchslos veröffentlicht und geteilt, weshalb viele sie als legitim wahrnehmen.

 

Klar wurde in diesem Vortrag, dass Antisemitismus zwar nicht neu ist, aber in seiner Ausprägung eine neue Dimension erreicht hat. Wie nun geht man damit um, was ist zu tun? „Darauf aufmerksam machen“, lautet Florian Kleins Marschrichtung. Meinungen und Mythen muss man geballt Fakten gegenüberstellen. Und immer wieder hinterfragen: „Was steckt dahinter?“ Medienkompetenz lautet hier das Schlüsselwort. Dazu mehr und intensivere politische Bildung. Als sehr fruchtbar und intensiv hat sich nicht zuletzt die Arbeit mit Zeitzeugen erwiesen. Nach einer letzten reflektierenden Frage- und Austausch-Runde gingen etliche positive Rückmeldungen im Chat-Bereich ein, darunter die von Julian Gschneidner, der sich „für den lehrreichen Vortrag und den vielen Input“ bedankte.

 

Info: Das Adolf-Bender-Zentrum ist im Bereich der Demokratie- und Menschenrechtbildung tätig. Im Landkreis Neunkirchen ist es u.a. als Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie des Landkreises Neunkirchen aktiv. Diese wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“. Mehr Infos unter www.adolf-bender.de.




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