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Empowerment durch Forumtheater



Foto: Katja Janoschek

Im Workshop „Politisches und partizipatives Theater“ gab es für die Teilnehmer*innen am 27. Und 28. August im Kreisjugendamt Neunkirchen Einblicke in Methoden und Anwendungen des Forumtheaters.

Wer hat in seinem Alltag noch keine Situation erlebt, die diskriminierend war, für einen selbst oder für andere? Jeder kennt Geschichten von Ungerechtigkeiten oder Ohnmacht. Konflikte, die scheinbar nicht aufgelöst werden können, begegnen uns auf allen Ebenen, denn Konflikte gehören zum Leben.

Das Forumtheater ist eine Form des Mitspieltheaters, welches Augusto Boal in den 70er Jahren in Brasilien entwickelte. Er zeigte den Menschen in einer Militärdiktatur, wie Mitbestimmung durch das „Theater der Unterdrückten“  funktionieren kann.  Empowerment bedeutet, es Menschen oder Gemeinschaften zu ermöglichen, ihre Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Als Empowermentmethode kann das Forumtheater mit Mitteln der Theaterpädagogik Konflikte, Diskriminierungserfahrungen, Machtverhältnisse sowie strittige gesellschaftliche und politische Themen sichtbar machen und Handlungsansätze entwickeln.

Der Theaterpädagoge und Politikwissenschaftler Florian Klein vom Adolf-Bender-Zentrum gab den 12 Teilnehmer*innen, vorwiegend Fachkräfte aus der sozialen Arbeit, einen theoretischen Überblick zu den theaterpädagogischen Methoden und führte sie mit Sensibilisierungsübungen in das darstellende Spiel ein. Denn um etwas ausdrücken zu können, muss man sich erst der eigenen Möglichkeiten und Ausdrucksformen bewusst werden. Darzustellen, wie man zum Beispiel ein Buch liest, kann wesentlich komplexer sein als man denkt. Geht der Kopf mit oder bewegen sich nur die Augen? Hält man das imaginäre Buch vor sich oder legt man es auf dem Schoß ab? Es wird erkannt, dass es einen Unterschied geben kann zwischen Darstellung und realer Ausführung einer Bewegung. Hinzu kommen die Interpretationsmöglichkeiten der Zuschauer, die sowohl Einzelbewegungen als auch das Zusammenspiel für sich auswerten müssen.

So wurden in Gruppenarbeiten in dem zweitägigen Workshop nach und nach über verschiedene Themen Standbilder bis hin zu kleinen Szenen entwickelt, die im Höhepunkt eines Konfliktes endeten. Mit der Methode des Forumtheaters konnte so auf der Grundlage der eigenen Lebenswirklichkeit und den individuellen Alltagserfahrungen der Teilnehmenden das Erlebte oder aber auch eine anonymisierte Variante davon diskutier- und bearbeitbar gemacht werden.  Die von der Thematik Betroffenen nahmen verschiedene Perspektiven ein und erweiterten ihr Handlungspotenzial. Darüber hinaus bekamen Personen, die zuvor wenig Einblick in die Problematik der Zielgruppe hatten, ein tieferes Verständnis für deren Situation.

Das Besondere daran sind nicht nur die - auch nonverbalen - Kommunikationsmöglichkeiten des Schauspiels, sondern dass nun die Zuschauer bei Wiederholung der Szenen oder Standbilder einzelne Darsteller ersetzen können und in dieser neuen Rolle der Szene einen anderen Verlauf geben. Florian Klein als  Spielleiter brachte immer wieder Reflektionsprozesse über die verschiedenen ausprobierten Lösungen in Gang. In  dieser Form des interaktiven Theaters entsteht ein kreativer Dialog aus der Gemeinschaft heraus. Das Publikum wird ohne den vorhergehenden Prozess der Problemfindung zu kennen zur Problemlösung herangezogen. Indem einzelne Zuschauer in einer Mobbingszene die „Mitläufer“ ersetzten und sich zu der „gemobbten Person“ gruppierten, ergab sich ein Lösungsansatz, der als Strategie für Zivilcourage dienen kann.

Durch die Methode des partizipativen Theaters können Personen, die oft nicht gehört werden, eine Stimme bekommen, schwierige, sensible Themen angesprochen sowie neue Ideen und Lösungen erprobt werden. Forumtheater kann auch eingesetzt werden, um Empathie für die Situation einer bestimmten Gruppe zu erzeugen oder um ein Gefühl der Machtlosigkeit im Publikum zu überwinden. Einsatzmöglichkeiten gibt es viele: In den meisten Bundesländern bieten Schulen inzwischen das Fach Darstellendes Spiel an und es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass das Fach Theater in hohem Maße auch weit über sich selbst hinaus reichende Fähigkeiten fördert - handlungsorientiert und lebensnah: ästhetische Bildung, Sach- und Methodenkompetenz, kommunikative und soziale Fähigkeiten sowie Kreativität. In sozialpädagogischen Projekten sowie bei Amateur- und Schultheatergruppen hat sich das Theaterspielen als ein hervorragendes Mittel zur Entwicklung sozialer und kommunikativer Kompetenzen bewährt. Auch die Wirtschaft hat inzwischen das Potential der Theaterpädagogik entdeckt und bietet theaterpädagogische Seminare zu Teamcoaching, Motivationstraining, Handlungskompetenz sowie Rhetorik und Körpersprache an.

Gefördert wurde der Workshop als Teil der Fortbildungsreihe „Vielfalt (er)leben!“ von der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Neunkirchen im Rahmen des Bundesprogrammes „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.




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