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Ich will mit dir streiten! – Aber fair



Text und Bilder: Katja Janoschek

Im „Fair-Streit-Training“ der Bachschule ging es um das Erlernen von Grundregeln des fairen Streitens mit dem Ziel, Konflikte ohne Gewalt zu lösen – zur Stärkung des demokratischen Miteinanders.

Es gibt bestimmt Menschen, die sehr sanft streiten können, die immer sachlich bleiben und ohne direkte Kritik ihren Standpunkt vertreten. Die dann auch noch – wie in vielen Streitratgebern empfohlen – Ich-Botschaften senden können a la „Ich ärgere mich darüber, dass ich jetzt keinen Parkplatz habe“.  Aber kaum ein Erwachsener schafft das in echten Konfliktsituationen und auf dem Schulhof können die Emotionen schon mal überkochen und die Ich-Botschaft lautet dann: „Ich hau dir in die Fresse!“

Deeskalierend wirkt in solchen Situationen die grundlegende Bereitschaft, sich bei Meinungs-verschiedenheiten gegenseitig zuzuhören, nicht zu beleidigen oder zu drohen, sich in die Augen zu schauen und sich gegebenenfalls zu entschuldigen beziehungsweise zu verzeihen. Das Muster einer respektvollen Auseinandersetzung kann erlernt werden. Dafür trainierte Angelika Beyer, die das „Fair-Streit-Training“ seit Jahren mit unterschiedlichen Gruppen durchführt und auch Workshops für Familien anbietet, mit der Klasse 3a der Bachschule in Neunkirchen, wie man seinem Ärger Luft machen kann ohne jemandem weh zu tun. Initiiert wurde das Projekt vom Förderverein der Schule, denn streiten ist wichtig und nichts, was unbedingt vermieden werden muss! Das Antrainieren einer fairen Streitkultur beinhaltet ebenso, seine persönlichen Grenzen auszuloten und auch zu zeigen sowie die des Gegenübers zu respektieren. Dazu gehört, laut „Stopp“ zu rufen, den Arm abwehrend auszustrecken und ebenso ein „Stopp“ des Kontrahenten zu akzeptieren. An einer Schule mit über vierzig Nationalitäten sind dies wesentliche Basiselemente zur kulturübergreifenden fairen Konfliktlösung. Grundlage des Projektes, das im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde, war ein einfacher Streitvertrag, unter dessen Einhalten sogar mit  Schaumstoffknüppeln – fair – gekämpft werden durfte.

Das eigentliche Problem liegt ja meist nicht am Inhalt oder Thema des Diskurses, sondern daran, wie miteinander gesprochen und umgegangen wird. Wer als Kind schon eine konstruktive und faire Streitkultur verinnerlicht, kann als erwachsenes Mitglied der Gesellschaft für seine eigenen Vorstellungen energisch eintreten und das gleiche Recht den Andersdenkenden zugestehen – ganz im Sinne der Demokratie. Alle Schülerinnen und Schüler erhielten zum Abschluss eine Urkunde, die ihnen bescheinigt, dass sie erfolgreich an diesem Workshop teilgenommen haben und sie können auf der Basis „Wir kommen miteinander klar, gemeinsam finden wir Lösungen.“ künftige Konfliktsituationen fair regeln.

Leider ist in vielen Bereichen unserer Gesellschaft eine wachsende Gewaltbereitschaft und eine Verrohung im Umgang miteinander zu beobachten. Die Hemmschwelle zu Handgreiflichkeiten in Schulen ist oft niedrig, der Respekt vor Andersdenkenden kaum vorhanden – und das nicht nur in Schulen. Sich mit Argumenten zu beschäftigen, sich zu fragen, was will ich und was will der andere und warum, schärft die persönliche Identität. Will man die eigene Position im Streit vertreten, muss man sie begründen und das erfordert Selbstreflexion und Selbstbestimmtheit. Menschen, die konstruktiv streiten, interessieren sich für ihre Gegner und nehmen sie ernst. Destruktive Verhaltensmuster durch produktive zu ersetzen, ist in jeder Beziehung hilfreich und entspannend. Verbunden mit gegenseitigem Respekt ist eine angemessene Streitkultur letzten Endes die Grundlage zur Entwicklung von Toleranz, Erhaltung von Freiheit und zur Stärkung der Demokratie.




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