Wir müssen reden! Und wir müssen streiten. Im Fair-Streit-Projekt an der Bachschule in Neunkirchen lernen die Grundschüler*innen, wie man richtig streitet. Denn es gibt ihn – den „guten Streit“




Streit gehört zum Leben. Und die Auseinandersetzungen mit unserer privaten wie beruflichen als auch der gesellschaftlichen Umwelt, das Aushandeln aller möglichen Inhalte mit den Menschen, mit denen wir zusammenleben, ist essentiell für unser eigenes Bestehen und Wohlbefinden. Aber wie wird man zum Streitprofi? Und wie bringt man Kindern den richtigen Umgang mit unterschiedlichen Ansichten und Bedürfnissen bei, wenn es den Erwachsenen oft nicht gelingt?

Grundlage jeder positiven Streitkultur ist, dass man wirklich bereit sein muss, zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht und dabei respektvoll miteinander umzugehen. Die 20 Kinder der Klasse 3a an der Bachschule benutzten dafür einen Streitvertrag, den sie zusammen mit Angelika Beyer, Fairstreittrainerin mit Praxis für Beratung und Kommunikation, erarbeitet haben. Sie geben sich die Hand, sehen sich in die Augen und sagen: „Ich möchte mit dir streiten. Ich möchte dir nicht weh tun und wenn es doch passiert, dann entschuldige ich mich.“

Aus der Psychologie ist bekannt, dass ein Mensch auf einer Beziehungsebene als erstes die Signale der Umgebung im Hinblick auf die eigene soziale Akzeptanz bewertet, kurz gesagt, ob er respektiert und fair behandelt wird. Erst wenn diese Grundvoraussetzung gegeben ist, ist man fähig, sich der inhaltlichen Seite des Konflikts zu widmen. Deshalb ist Fairness in diesem Schulprojekt, das im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde, ein sehr wichtiger Baustein, der in Form von Collagen zu dem Thema „Was ist fair? Was ist unfair?“ mit persönlichen und individuellen Beispielen von den Kindern erarbeitet wurde. Will man eine konstruktive Streitkultur entwickeln, muss man zuerst verstehen, was sie verhindert, nämlich die „negativen Gefühle“ oder auch „trennende“ Gefühle genannt, wie zum Beispiel Angst, Wut, Verachtung oder der Wunsch nach Rache oder Bestrafung. Um adäquat reagieren zu können, muss man diese Gefühle erst einmal einordnen und bewerten können. Das trainierten die Schüler*innen in Form von Zuordnungen der Gefühlsmonster zu Farben, der Gefühlsart auf bildlichen Darstellungen und im Nachstellen emotionaler Situationen. Macht man sich bewusst, dass Gefühle nichts Unkontrollierbares sind, sondern die Folge unserer individuellen bewussten und unbewussten Bewertungen, kann man diese gegebenenfalls einordnen und überwinden um sich auf die Inhalte der Auseinandersetzung zu konzentrieren.

Eine konstruktive Streitkultur gelingt nur durch gegenseitige Achtung und Wertschätzung. Bei einem wertvollen Streitgespräch hört man sich gegenseitig zu, fragt im Zweifel nach, reagiert auch bei emotionalen Themen gelassen, formuliert präzise und gibt differenzierte Argumente für seine Überzeugungen. Man bewertet, ob es tatsächlich gegen einen selbst geht oder ob es nach Bedürfnissen gehen kann. Ob es fair ist, zwei Kindern unterschiedlicher Größe je eine Kiste zu geben, damit sie über die Spielfeldbande schauen können oder sinnvoller dem Kleinsten beide Kisten zu geben, weil er mit einer immer noch nichts sieht und dem Größten keine, weil er sie gar nicht benötigt. Also ob die Bedürfnisse sich überhaupt gegenseitig etwas wegnehmen oder es nicht doch Wege zu konstruktiven Kompromissen gibt. Man muss richtig hinsehen und hinhören, die Emotionen erkennen und auch hinterfragen. Warum ist mein Gegenüber so aufgebracht? Warum hat sie mir das Bein gestellt? War das vielleicht gar keine Absicht? Um dahin zu kommen braucht man die Bereitschaft, seine eigene Position zu hinterfragen und eventuell sogar die ursprüngliche Einstellung zu ändern. Aber dafür muss man das faire Streiten trainieren.

Sachliches Argumentieren und konstruktives Streiten sind die besten Mittel, um Konflikte zu lösen und unterschiedliche Überzeugungen, Wertvorstellungen und Bedürfnisse zu koordinieren, im privaten wie im gesellschaftlichen Leben, bei Kindern sowie unter Erwachsenen. Daher müssen wir einander zuhören. Wir müssen reden. Und wir müssen streiten. Am besten auf wertschätzende und respektvolle Art. Unsere Demokratie lebt von der politischen Auseinandersetzung – vom Streit. Nur im Streit klären wir, was uns als Gesellschaft wichtig ist, welche Werte wir ganz grundsätzlich vertreten wollen und welche politischen Entscheidungen wir als Gesellschaft zu tragen bereit sind. In einer Demokratie geht es immer auch um das Einordnen von Bedürfnissen, Grenzen und Fairness. Es geht um die Sensibilisierung für die eigene Situation und die der anderen. Es geht um das Aushandeln von Bedingungen auf privater, gesellschaftlicher, politischer und medialer Ebene. Dabei liefert eine faire und konstruktive Streitkultur die beste Basis für ein friedliches Zusammenleben im Sinne der Demokratie.