Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit? Im Betzavta-Workshop „Inklusion und Gerechtigkeit“ beschäftigten sich die Teilnehmer*innen am 6. und 7.11.2019 im Kreisjugendamt Neunkirchen mit Fragen zur Chancengerechtigkeit in Theorie und Praxis.



Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Betzavta-Workshops „Inklusion und Gerechtigkeit“ diskutieren über Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit

Beim Stichwort „Inklusion“ geht in den meisten Köpfen direkt die Schublade „Förderung von Menschen mit Behinderung“ auf, bei „Integration“ die Eingliederung von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei sollten diese Begriffe dringend entkoppelt werden von dieser „Scheuklappensicht“, denn es geht darum, dass jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben kann – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, von eventuellen Behinderungen oder sonstigen individuellen Merkmalen. Es gibt unzählige Kriterien, nach denen man beurteilen oder beurteilt werden kann: der Beruf der Eltern, Reichtum, persönliche Begabungen, welchen Beitrag man für die Gesellschaft leistet, der Familienstand usw. Was wird von wem wertgeschätzt oder eben nicht und warum? Welche Kriterien sind positiv besetzt, welche negativ?

Schubladen bedienen und benutzen wir alle mehr oder weniger in unserem Vorstellungsspektrum, weil die Welt um uns herum viel zu komplex ist um sie als Ganzes zu erfassen. Wir müssen sie - um nicht verrückt zu werden - vereinfachen. Die Frage ist nur: Wie bewusst gehen wir mit den Kategorien um, die uns vielleicht sogar unbewusst vorgegeben sind oder die wir uns je nach Prägung und individueller Erfahrung selbst geschaffen haben? Es geht dabei auch um Diskriminierung und Rassismus, dann selbst wenn eine Kategorisierung unbewusst und „nicht böse“ gemeint ist, führt sie dennoch zu Konsequenzen für Betroffene. Kann es sein, dass jemand, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hier seinen/ihren Lebensmittelpunkt hat, nicht die gleichen Chancen auf eine Wohnung oder einen Ausbildungsplatz hat, nur weil er oder sie einen ausländisch klingenden Namen hat? Dass man sich seiner Hautfarbe wegen ständig erklären oder gar rechtfertigen muss? Sich fragen lassen muss, ob man irgendwann in seine „Heimat“ zurückkehren möchte um als dunkelhäutiger Mensch z. B. antworten zu müssen: „Nein, was soll ich denn in Bielefeld??“  Dass man sich als Frau rechtfertigen muss, wenn man nur Karriere macht? Oder dass man nur Kinder betreut? Oder aber dass man Karriere macht, obwohl man Kinder hat? Oder gar dass man keine Karriere macht, aber trotzdem keine Kinder will? Wird man als Mann danach gefragt? Woher kommen diese Rollenverständnisse und wer zementiert sie?

 

„Betzavta“ (Hebräisch: Miteinander) ist ein Trainingsprogramm, das demokratische Wege der Entscheidungsfindung mit ihren Chancen und Schwierigkeiten erlebbar macht. Die Besonderheit des Ansatzes besteht in der Grundannahme, dass Konflikte besonders kreativ bearbeitet werden können, wenn die beteiligten Personen anerkennen, dass das Recht auf freie Entfaltung für alle Menschen gleichermaßen gilt. Heike Neurohr-Kleer, Kommunale Frauenbeauftragte, Beraterin für inklusive Prozesse und Betzavta-Trainerin und Dorothee Neurohr-Gebhardt, Lehrerin und Theaterpädagogin, Systemische Supervisorin und ebenfalls Betzavta-Trainerin, führten gemeinsam durch den Workshop im Kreisjugendamt, der im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde.

 

Beim Schokoladenspiel durften die Teilnehmer*innen selbst erfahren, wie unfaire Bedingungen einschränken und sich im Ergebnis verselbstständigen können –  auch ohne böse Absichten. In solchen Spielen nach der „Betzavta-Methode“ werden unfaire Ausgangsvoraussetzungen bewusst geschaffen, demokratische Werte von Anfang an verletzt und die Teilnehmer zu einer Reaktion darauf gezwungen. Es werden keinerlei weitere Regeln genannt, damit sich die Mitspieler auf gemeinsame Grundsätze verständigen müssen, dabei die Bildung von Mehrheiten und Minderheiten, Macht und Ohnmacht erfahren und unterschiedliche Strategien entwickeln, damit umzugehen. Sehr schnell erkennt man auch die Grenzen der eigenen Toleranz und kann dabei hautnah erleben, wie Diskriminierung funktioniert und wie sie sich anfühlt. Aber selbst, wenn für alle die gleichen Startbedingungen herrschen, bestimmt der Würfel immer noch über Glück oder Nachsicht. Und was ist im Endeffekt wichtiger? Chancengleichheit oder Gleichheit im Ergebnis? Ist es gerecht, zwei Kindern unterschiedlicher Größe je eine Kiste zu geben, damit sie über die Spielfeldbande schauen können oder sinnvoller dem Kleinsten beide Kisten zu geben, weil er mit einer immer noch nichts sieht und dem Größten keine, weil er sie gar nicht benötigt? Jeder hat unterschiedliche Voraussetzungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten, die mal begünstigen und mal behindern können.

 

Das fundamentale Prinzip von Betzavta beruht auf der Erfahrbarkeit von Themen wie Macht, Ausgrenzung und Zugehörigkeit, Gruppendruck oder Diskriminierung mit Bewusstmachung der eigenen Motivation und der Folgen für andere. Durch diese Trainingsmethode werden demokratische Übungen mit Leben gefüllt und als Selbsterfahrungswerte verinnerlicht, da erst die aktive Beteiligung nachhaltige Prozesse in Gang setzt und damit die Konfliktkompetenz des einzelnen fördert mit dem Ziel, immer zu reflektieren, die stillschweigenden Annahmen zu überprüfen und sich in die Auseinandersetzung zu trauen um Gerechtigkeit nach Bedürfnissen, nicht nach Gleichheit zu erreichen oder faire Kompromisse zu erzielen. Geschult wird dabei die Fähigkeit, sich für eigene Interessen einzusetzen, zu verhandeln, abzuwägen und begründete Entscheidungen zu treffen und dabei gleichzeitig Empathie und Toleranz zu zeigen um einen demokratischen und kreativen Umgang mit Konflikten zu trainieren. Die Annäherung einer Gesellschaft an Gerechtigkeit sowie erfolgreiche Inklusion hat sehr viel zu tun mit der Hinterfragung der persönlichen Haltung ihrer Mitglieder und die Sensibilisierung für ungleiche Chancenverteilung. Die Basis für eine funktionierende Demokratie ist die Wertschätzung der Vielfalt.