Bewusstsein schaffen für die Gefahr von Rechts



Lukas und Philip Wilhelm, Mitorganisatoren des Rockkonzertes gegen Rechts, rockten mit ihrer Band „From Fall to Spring“ in der Stumm`schen Reithalle

Mit dem Unstumm-Festival am 09.11.2019 in der Stummschen Reithalle in Neunkirchen schloss die diesjährige Veranstaltungsreihe „Laut gegen Rechts“ der Neunkircher Jugendzentren und Jugendbüros gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck.

 

Rechtsextremismus hat Macht. Er tötet, ruiniert Existenzen, unterdrückt und macht Angst. Man hört von mehr als 170 Todesopfern rechter Gewalt seit 1990, ist entsetzt über den Anschlag in Halle und den Mord an Walter Lübcke in diesem Jahr. Das sind Verbrechen, gegen die der Staat vorgehen muss. In vielen Bereichen ist die rechtsextreme Szene aber schon in unserer eigenen Umgebung angekommen, nur nicht unbedingt gleich erkennbar in unserer Lebenswelt. Latente rechtsextreme Einstellungen, die sich in den Alltag der Menschen einschleichen, tragen ebenso wie eine Kultur des Wegsehens dazu bei, dass Nazis immer wieder Orte finden, an denen sie sich niederlassen und aktiv werden können, ohne auf Widerstand zu stoßen. Mit der Veranstaltungsreihe „Laut gegen Rechts“ will der Landkreis Neunkirchen der rechtsextremen Ideologie bewusst etwas entgegensetzen und den öffentlichen Raum nicht den Rechtsextremen überlassen.

 

Um an die nationalsozialistischen Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern, fiel der Termin des kostenlosen Unstumm-Konzerts auf den Jahrestag der Reichspogromnacht im Deutschen Reich, dem Beginn der systematischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden, im Zuge dessen auch die Neunkircher Synagoge am Oberen Markt zerstört wurde. Die Geschichte dieses Tages und seine lokalen konkreten Verbrechen gegen die Menschlichkeit in u.a. Neunkirchen, Illingen und Merchweiler wurden in Form einer Ausstellung an der Stummschen Reithalle thematisiert. Das Rockkonzert, das von vielen Jugendlichen aus der näheren, aber auch weiteren Umgebung besucht war, wurde vor allem von der Band „From Fall to Spring“ in Zusammenarbeit mit den örtlichen Jugendzentren organisiert. Die Band und ihre charismatischen Sänger, die Zwillinge Lukas und Philip Wilhelm, engagieren sich seit Jahren für den Kampf gegen Rechts und stellten ein Konzert der Extraklasse auf die Beine. Weitere lokale Rockbands wie „Lumbematz“, „Drawn by Evil“ und „Our Mirage“ aus Nordrheinwestfalen traten auf mit Statements gegen Hass und rechtes Gedankengut. Eröffnet wurde das Konzert von „Equivalent Exchange“, einer saarländischen Newcomerband, die im Vorfeld den Unstumm-Bandcontest gewonnen hatte. Dass sich Drohungen und Hassmails der rechten Szene längst nicht mehr nur auf Bundespolitiker, sondern zunehmend auf Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte sowie Menschen, die sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren, beziehen, musste auch die Band From Fall to Spring erfahren, als sie das „Konzert gegen Rechts“ auf ihrer facebook-Seite ankündigte. 

 

Von der Diskriminierung an der Diskotür über Stammtischparolen beim Feierabendbier bis hin zu Hass und Hetze – unter dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ schleicht sich ein Alltagsrassismus in das Leben der Menschen, der mehr und mehr Normalität zu werden scheint. Deshalb muss der Kampf gegen Rechts nicht nur staatlich über die Behörden geführt werden, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das betrifft uns alle. Die Menschen müssen wieder Lust bekommen, sich für Freiheit und Demokratie zu engagieren. Und wissen, dass das nicht vom Himmel fällt, dass man jeden Tag dafür kämpfen muss, dass Deutschland ein weltoffenes und freies Land bleibt. Denn Rechtsextremismus setzt sich dort fest, wo ihm die Bevölkerung den Raum dafür überlässt. Wo sich niemand wehrt, wo die Menschen gleichgültig wegschauen. Viele Bürger würden sich selbst von rechtsradikalen Einstellungen freisprechen – doch rassistische, antisemitische oder menschenfeindliche Einstellungen, die Teil der rechtsextremen Identität sind, sind relativ weit verbreitet.

 

Rechtsextremismus lässt sich nur gemeinsam wirksam bekämpfen. Zivilgesellschaftliche Akteure machen sich stark für eine demokratiefreundliche, weltoffene und tolerante Gesellschaft. Sie schaffen mit ihrer Arbeit eine Atmosphäre, in der die Problematik um rechtsextreme Vorgehens- und Denkweisen wahrgenommen und ihnen selbstbewusst etwas entgegengesetzt werden kann. Veranstaltungen gegen Rechts helfen den Bürgern dabei, die Maschen und Symbole der rechtsextremen Szene zu erkennen um angemessen reagieren zu können. Und sie regen wichtige Reflexionsprozesse darüber an, warum wir uns unseren Mitmenschen gegenüber wie verhalten und was dieses Verhalten bei anderen auslöst. Deshalb gehörten zu der Veranstaltungreihe „Laut gegen Rechts“ auch Film- und Diskussionsabende mit dem Dokumentarfilm "Dir sid net vergiess! - Das Konzentrationslager Hinzert“ des aus Spiesen stammenden Filmemachers Julian Weinert und dem Spielfilm "Zug des Lebens" (Train de vie) von Radu Mihăileanu, sowie Vorträge über Grauzonen der Musik- und Bandszene von scheinbar unpolitischen aber rechtsoffenen Musikern, zu deren Vorbildern im Saarland u.a. Bands wie die Böhsen Onkelz und Frei.wild gehören. Unter dem Titel „Das Versteckspiel“ fand im JUZ Wiebelskirchen ein Vortrag der Agentur für soziale Perspektiven „asp“ statt (https://dasversteckspiel.de), der über Lifestyle, Symbole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen aufklärte, um eine Hilfestellung zu leisten, Neonazis im Alltag erkennen und die teils versteckten Botschaften entschlüsseln und entsprechend handeln zu können.

 

Rechtsextreme Gruppierungen sind heutzutage nicht mehr immer direkt zu erkennen. Sie verbreiten einerseits Angst, geben sich aber auch professionell, volksnah – und sozial. Dort, wo es generell wenige Angebote zur Freizeitgestaltung gibt, versuchen sie, Interesse bei den Menschen zu wecken. Sie veranstalten Fußballturniere o.ä. und beteiligen sich mit Stellungnahmen zu Ausbildungsplatzknappheit oder Kampagnen gegen Kindesmissbrauch und anderen emotionalen Themen an gesellschaftlichen Debatten. Rechtsextreme setzen heute verstärkt auf Mainstream – in der Mode ebenso wie in der Musik oder bei der Gestaltung von Internetseiten und Veranstaltungen. Dank moderner Kommunikationsmittel und -kanäle ist es heute so einfach wie nie, Botschaften zu verbreiten. Um dieser Gefahr wirksam begegnen zu können, reicht es nicht aus, staatliche Maßnahmen zu beschließen, sondern es braucht Zivilcourage und mutiges Engagement der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus. Rechte Gewalt ist eine Bedrohung, die nicht zu unterschätzen ist. Umso wichtiger ist es, Menschen auf derartige Situationen vorzubereiten. Mit lokalen Aktionen wie der Veranstaltungsreihe „Laut gegen Rechts“ werden Menschen in der Nachbarschaft, im Stadtteil und in der Region mobilisiert und es wird den Nazis sowohl der Raum für ihre Aktivitäten als auch die stillschweigende Toleranz der Einwohner genommen. Gefördert wurde die Veranstaltungsreihe im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.