Demokratie und Bürgermeisterwahlen in Spiesen-Elversberg



Text und Bilder: Katja Janoschek

Im Jugendtreff „Casa Nostra“ Spiesen-Elversberg fand am 27.03.2019 ein Demokratie-Workshop statt mit anschließender Befragung der BürgermeisterkandidatInnen

Was hat Schokolade mit Demokratie zu tun? Diese Antwort erarbeiteten sich die rund 30 Jugendlichen im „Casa Nostra“-Jugendtreff in Spiesen-Elversberg während eines Demokratie-Workshops. Dabei wurden zu Anfang Zettel verteilt mit der Aufgabenstellung, dass die- oder derjenige, der nach zehn Minuten die meisten davon in der Hand hält, entscheiden darf, was mit der Schokolade passiert. Nach wilder Tauscherei hatten zuerst einige viele Karten, nach Ablauf der Zeit jeder Teilnehmer eine Karte, manche keine. Dazu aufgefordert, nun die Schokolade ihrer Verwendung zuzuführen, war die Gruppe kurzzeitig überfordert, denn obwohl sie beschlossen hatten, dass jeder mitentscheiden dürfe, wie die Schokolade aufzuteilen wäre, war immer noch kein Verantwortlicher gefunden, der dies übernahm, geschweige denn, wie genau sie aufzuteilen wäre.

In der anschließenden Diskussion, geführt von Florian Klein vom Adolf-Bender-Zentrum, der auch das Jugendforum Neunkirchen leitet, welches im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundes-programm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, auf welche Weise denn dieser Prozess verlaufen sei, gab es einige Fragen zu klären. Wie war das für die Teilnehmenden, dass manche zum Start mehrere Karten erhielten, andere gar keine? Wieso hatten zu Anfang die eher beliebten Schüler viele Zettel bekommen und warum wollten manche gar keine? Wäre es vielleicht schlauer gewesen, zuerst Kandidaten auszuwählen, die ihre Methode der Schokoladenverteilung vorgestellt hätten, denen man dann bei Zustimmung bewusst seine Karte hätte geben können? Aber hätten diese das dann auch tatsächlich so gemacht, wie sie es vorher versprochen hatten? Spätestens da war der Zusammenhang zu Politik und Demokratie hergestellt.

In solchen Spielen nach der „Betzavta-Methode“ werden unfaire Ausgangsvoraussetzungen bewusst geschaffen, demokratische Werte von Anfang an verletzt und die Teilnehmer zu einer Reaktion darauf gezwungen. Es werden keinerlei weitere Regeln genannt, damit sich die Mitspieler auf gemeinsame Grundsätze verständigen müssen, dabei die Bildung von Mehrheiten und Minderheiten, Macht und Ohnmacht erfahren und unterschiedliche Strategien entwickeln, damit umzugehen. Sehr schnell erkennt man auch die Grenzen der eigenen Toleranz und kann dabei hautnah erleben, wie Diskriminierung funktioniert und wie sie sich anfühlt.

Gerade weil junge Menschen noch kein Wahlrecht haben und wenig Handhabe, ihre eigene Lebensumwelt nach ihren Bedürfnisse und Vorstellungen zu beeinflussen, wurde das Projekt „Meine neue Heimat“, ebenfalls gefördert im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen, von der Jugendpflegerin Anne Aussem ins Leben gerufen mit dem Ziel der Bildung eines Jugendbeirates der Gemeinde Spiesen-Elversberg, der sich aktiv und nachhaltig für die Belange der jungen Generation einsetzen kann. Die Kinder und Schüler sollen demokratische Prozesse erleben und mitgestalten sowie gemeinsam mit der Kommunalpolitik Lösungen erarbeiten. Für dieses Projekt schwärmten die Jugendlichen mit Kameras aus um

ihre Umgebung zu ergründen und die Orte ihrer Heimat nach verschiedenen Kriterien und aus unterschiedlichen Perspektiven zu begutachten und zu dokumentieren. So kristallisierten sich Lieblingsplätze, hässliche Orte, die gemieden werden und Verbesserungspotential haben sowie Erinnerungsareale heraus, welche zu Schwerpunktthemen führten, wie Maßnahmen gegen die Vermüllung verschiedener Flecken in der Gemeinde, Erhöhung der Sicherheit oder die Planung eines neuen Jugendzentrums mit Außenbereich.

Diesen Themen der Jugendlichen stellten sich in der anschließenden Diskussion im „Casa Nostra“ die drei KandidatInnen zur Bürgermeisterwahl am 26. Mai 2019 in Spiesen-Elversberg: Heike Morgenthal (SPD), die ihr Leben von Geburt an in Spiesen-Elversberg verbracht hat, „nah dran“ ist und der die Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen besonders am Herzen liegt, Thomas Thiel (CDU), ein erfahrener Politiker nach 10 Jahren als Ortsvorstand, der sagte, dass „auf jeden Fall mehr für die Jugend getan werden muss, weil sie unsere Zukunft ist“ und gefragt zu Artikel 13 und 17 äußerte, das Urheberrecht müsse gestärkt werden, aber der aktuelle Beschluss sei „keine glückliche Lösung“, sowie Bernd Huf, für den als Parteiloser an oberster Stelle steht, Themen ausschließlich sachorientiert zu diskutieren und unabhängig von jeweiligen politischen Standpunkten die beste und wirtschaftlichste Lösung für die Gemeinde zu finden und umzusetzen. Huf, selbst Vater von drei Kindern versteht genau, was die Jugendlichen meinen, wenn sie von Angst und unguten Gefühlen am Turm oder anderen Plätzen reden, weil er dort selbst ein verstörendes Erlebnis hatte als er Bilder für die Wahl gemacht und ein etwa 16-Jähriger sich direkt neben ihn gestellt und uriniert hatte.

Für die dringendsten Probleme der Jugendlichen, wie Sicherheit und schnelleres Internet, hatten die drei Kandidaten allerdings keine Lösung, da die Polizeipräsenz leider nicht erhöht werden könne und die beauftragte Firma für den Breitbandausbau laut SPD-Kandidatin Heike Morgenthal bisher bedauerlicherweise nicht viel mehr getan habe, als Löcher zu graben. Einer Jugendtreffplanung mit Außenbereich standen alle offen gegenüber und auch die Begeisterung für das Engagement der jungen Menschen mit der Aufforderung „dran zu bleiben“ war kandidatenübergreifend. Wie sie aber ihre Schokolade als amtierende Bürgermeister tatsächlich verteilen wollen, bleibt abzuwarten.