Konzentration und Fokussierung durch Theater


Im Projekt „Come2gether“ der Ganztagsgesamtschule Neunkirchen lernen Schüler und Schülerinnen viel über Wahrnehmung, Kommunikation und Emotionalität.

Wir leben in stressigen Zeiten! Unsere Zeit wird gemanagt, gespart, geht zuweilen verloren, wird investiert oder sogar tot geschlagen. Letzteres leider nicht mehr allzu oft. Schon als Erwachsener ist man kaum noch Herr über To-Do-Listen, Anforderungen, Erwartungen und mediale Reizüberflutung. Für jugendliche SchülerInnen kommt noch die Pubertät, das eigene Finden der Persönlichkeit und manchmal der Erwartungsdruck der Eltern hinzu bei gleichzeitigem Leistungsdruck und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten. Die GGS Neunkirchen ist eine Gemeinschaftsschule mit großer Heterogenität, unterschiedlichsten Kulturen und verschiedenster sozialer Herkunft der SchülerInnen. Besonders für Jugendliche mit einem Förderbedarf im emotionalen und sozialen Bereich bedeutet dies häufig eine Überforderung oder Überreizung, die sich in auffälligen Verhaltensweisen äußern kann. Die Zahl der Kinder mit Konzentrationsproblemen nimmt deutschlandweit zu.

Um dem entgegen zu wirken und alle SchülerInnen an der Pilotschule für Inklusion mit-nehmen zu können, arbeiten die LehrerInnen mit grundlegenden Methoden wie Individualisierung von Unterricht sowie einem ganzheitlichen Zugang zu Bildung durch Musik, Kunst und Theater.  Eine passende Erweiterung dieses Angebots stellt das Projekt „Come2gether“ dar, welches im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Als Schauspielerin und Leiterin der Schultheaterklassen hat Christine Münster-Domke das Ziel, Menschen anhand theatraler Mittel dabei zu unterstützen, selbstbewusster zu werden, sich und andere besser wahrzunehmen sowie den respektvollen Umgang untereinander zu trainieren. Zusammen mit der Förderschullehrerin Sabine Porr hat sie theaterpädagogische Übungen erarbeitet, die Möglichkeiten bieten, den eigenen Körper wahrzunehmen, Emotionen zu spüren und die gemachten Erfahrungen im Anschluss zu reflektieren.

In Impulskreisen werden Signale und Bewegungsmuster von einem Mitspieler zum anderen weitergegeben zum Aufwärmen und „Aufwachen“. Oder die Schüler imitieren in zwei Gruppen den „Gang“ einer Person der „Gegengruppe“ und diese muss erraten, um wen es sich handelt. Je genauer beobachtet und wahrgenommen wird, desto besser kann die Imitation umgesetzt und aufgelöst werden. Als „Museumswächter“ die Positionen der „Menschenstatuen“ kontrollieren, Konfliktstandbilder bilden und analysieren - mit Übungen dieser Art werden Wahrnehmung und Konzentration geschult, eigene Stärken und Schwächen erkannt und danach reflektiert: Was beobachten wir selbst? Was beobachten die anderen? Stimmt das überein? Haben wir uns an die Regeln gehalten? Was könnten wir anders machen?

Die SchülerInnen lernen dabei, sich zu fokussieren, ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie ihr Verhalten in der Gruppe zu ändern. Konzentrationsschwierigkeiten ergeben sich aus unterschiedlichen Grundproblemen: Viele Schüler sind abgelenkt durch ihre innere Impulsivität oder durch äußere Reize bzw. Mitschüler. Mangel an Motivation, Selbstwahrnehmung und -steuerung sowie Selbstdisziplin einerseits und schlechtes Selbstwertgefühl, Stress in der Familie oder ineffektive Lernmethoden andererseits können zu Unfähigkeit führen, die eigenen Gedanken und Vorstellungen wahrzunehmen. Beim Theaterspielen werden Energien freigesetzt sowie Ressourcen mobilisiert und es werden Impulse gesetzt zur Weiterentwicklung und damit zur Veränderung von Alltagssituationen.

Gemeinschaftliches, demokratisches und kooperatives Lernen in der Gruppe ist die Basis dieses Projektgedankens. Durch Entschleunigung des schnellen Lebens kann eine Fokussierung erreicht werden, die vielen im Alltag hilft, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Auch für Erwachsene kann es entspannend sein, sich selbst wieder mehr wahrzunehmen. Mit ein bisschen Selbstdisziplin, das Warten wieder zu lernen, sich reizfreie Momente zu schaffen und sich Mußestunden zu erlauben, können wir lernen, wieder mehr in uns zu ruhen und die Zeit besser zu genießen.

Text und Bild: Katja Janoschek