Café International schafft Begegnungsmöglichkeiten für Kulturen



Text und Bild: Katja Janoschek

Im Neunkircher Wohngebiet „Schaumbergring“ haben Einheimische und Zugezogene unterschiedlicher Kulturen die Möglichkeit, sich bei gemeinsamen Kochveranstaltungen näher zu kommen.

Vergorener Fisch aus Skandinavien – der muss fürchterlich riechen und gewöhnungsbedürftig schmecken. Beschäftigt man sich damit, erfährt man, dass der Fisch traditionell durch Vergären haltbar gemacht wird, weil es im Winter im kalten Norden nichts zu essen gab. Man erlebt durch das regionale Essen etwas aus der Lebensart der Menschen. Und wenn man weiß, wie der andere kulturell tickt, kann man leichter Zugang zu ihm finden, sowie auch die Regeln des Zusammenlebens als kultureller Hintergrund beim Essen gut erkennbar sind.

Schlecht riechender Fisch wurde im Kommunikationstreff des Schaumbergrings bisher nicht serviert. Dafür allerlei leckere, traditionelle Gerichte zum Beispiel aus Russland, Vietnam oder Arabien, die von den multikulturellen Gästen aus dem Wohngebiet und den Vertretern von Ortsverein und Stadtrat verkostet wurden. Elisabeth Rau, eine 76-jährige, quirlige Philippinerin, die seit 37 Jahren in Deutschland lebt, übernahm die Kochaufsicht  für den philippinischen Tag. Es gab für die Bewohner Frühlingsrollen, Wan Tan und frittierte Bananen sowie Geschichten aus dem bewegten Leben der Köchin. Zahlreiche syrische Spezialitäten wurden während der arabischen Kochveranstaltung von Hassan zubereitet, der vor zwei Jahren sein Juweliergeschäft in der Heimat aufgeben musste und über die Türkei und Bulgarien zu Fuß, per Boot und Zug nach Deutschland geflohen war. Sein 17-jähriger Sohn lebt bei ihm, seine Frau sitzt mit den drei erwachsenen Töchtern in der Türkei fest. Während der Kochtreffs sind zahlreiche Helfer aus dem Wohngebiet unterstützend am Werk und ein Dolmetscher hilft, die sprachlichen Barrieren zu überwinden und gegenseitig Alltagswörter zu vermitteln um auch längerfristig einen verbalen Austausch zu ermöglichen.

Das Projekt „Café International“ wurde von der Mittendrin Sozial gGmbH ins Leben gerufen, die auf dem Schaumbergring ein Kommunikationscafé betreibt, auch „Läädche“ genannt, weil es neben drei wöchentlichen Essensangeboten zusätzlich für nicht mobile und ältere Bewohner ein Sortiment an Standardwaren, wie Milch oder Mehl, anbietet, da in dem an Neunkirchen weitläufig angegliederten Wohngebiet weder Post noch Einkaufsmöglichkeiten oder sonstige Einrichtungen zu finden sind. Auch werden Mitfahrgelegenheiten und Begleitungen zu Arztbesuchen vermittelt sowie zwei Kinder- und Jugendgruppen organisiert, die in das Projekt mit einbezogen werden, welches im Rahmen der „Partnerschaft für Demokratie“ des Landkreises Neunkirchen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Die Kinder basteln im Vorfeld Infotafeln zu den jeweiligen Kulturen, die den Gästen beim Essen präsentiert werden. Die Veranstaltung soll dazu dienen, sich gegenseitig in einem konfliktfreien Rahmen kennenzulernen, Berührungsängste abzubauen und Verständnis füreinander zu entwickeln. Warum sind die Familien nach Deutschland gekommen, was waren ihre Erwartungen und wie gestaltet sich ihr Leben hier? Was bewegt die Alteingesessenen? Das Persönliche ist dabei wichtig, man lernt die Menschen kennen und entwickelt dadurch Empathie.

Innerhalb von Wohngemeinschaften mit unterschiedlichen Kulturen kann es zu vielfältigen Konflikten kommen, die auf Grund sprachlicher Barrieren wenig konstruktiv geklärt werden können. Zudem sind stereotype Denk- und Verhaltens-weisen, die generationenüber-greifend kultiviert werden, teilweise dafür verantwortlich, dass man sich eher aus dem Weg geht, schlecht übereinander redet und neues Konfliktpotential aufbaut. Auch die Angst vor unbekannten Sitten und Lebensstilen verringert möglicher-weise das aufeinander Zugehen. Durch einen ungezwungenen, freundlichen Zugang untereinander ist es möglich, dem vorzubeugen oder entgegen zu wirken. Über die Zusammenkunft verschiedener Generationen sowie unterschiedlicher Kulturen in einer lockeren Atmosphäre sollen gegenseitige Akzeptanz und Toleranz sowie die Integration unterstützt werden.

Für den 13.12. ist als Abschlussveranstaltung ein deutsches Essen geplant, um die eigene Kultur vorzustellen. Die geselligen Runden helfen, respektvoll mit Andersdenkenden umzugehen und Vorurteile abzubauen. Schon jetzt hat die Projektleiterin Karin Fuchs erfreut festgestellt, dass neue Bande geknüpft wurden, die einzelnen Gruppen anfangen, sich zu vermischen und eine zaghafte Vernetzung beginnt – jetzt, da man sich kennt, gemeinsame Erlebnisse hat. Multikulturelle Denkweise schadet auf jeden Fall nicht. Offen zu sein, für das was man nicht kennt, stärkt die Persönlichkeit und bringt einen selbst im Leben weiter. Durch Interesse und Verständnis für Menschen aus einem anderen Kulturkreis kann über die Begegnungsmöglichkeiten ein besseres Miteinander anstatt Nebeneinander oder gar Gegeneinander erreicht werden.